Es musste soweit kommen

Ich hätte die Überschrift auch als Frage formulieren können. Bei der Antwort wäre ich mir nicht sicher gewesen. Was war passiert? Ein Anruf am Montag morgen kurz nach 8 Uhr : ein Biogasanlagen-Betreiber sagt ganz ruhig: ich habe einen Motorschaden. Der Motor steht, der Instandsetzungskosten-Ticker läuft an, der Betriebsunterbrechungsschaden-Ticker läuft schon länger als einen Tag.

Ich erzähle diese Geschichte – ähnliche gibt es davon leider viele, weil es – wie so häufig – mit kleinen Ursachen anfängt, die rasch größere Probleme bis hin zur Motorkatastrophe bringen. Die Katastrophe sind vier Kolbenfresser. Von insgesamt sechs Zylindern.

Der erste Hinweis kam vom Betreiber

Der Betreiber erzählt die Vorgeschichte dazu. Alle 2000 Betriebsstunden sei sein Servicepartner vor Ort und kümmere sich um sein BHKW. „Ja der Turbolader verliert ein bisschen Öl, das machen wir beim nächsten Mal, das ist noch nicht so schlimm“, so der Servicetechniker. Im Vertrauen darauf fährt der Betreiber weiter, bis zum nächsten Servicetermin, dann wird es ja in Ordnung gebracht.

Thermisch überlastete Zündkerze

Doch dazu kommt es nicht mehr. Dabei hätte am Dienstag der Service kommen sollen. Am Donnerstag zuvor schmolzen die Motor-Innereien dahin. Es war schlichtweg viel zu heiß. Der Betreiber hatte sich schon über einen hohen Ölverbrauch gewundert und über zum Teil absackende Brenraumtemperaturen.

Beim Herausdrehen der Zündkerzen wurde deutlich, welche Hitze im Brennraum gewütet haben mag – und wieviel Schmieröl hier im Spiel war. Das gehörte offenbar nicht hierhin.

Es musste soweit kommen. Wenn die Entstehungsgeschichte zum Schaden erzählt wird, leuchtet es ein. Mit dem undichten Turbolader begann der Schaden . Dieser war sowohl nach außen als auch nach innen undicht. Das eine sieht man, das andere kriegt man nicht sofort mit.

Das Unheil nimmt seinen Lauf

Öl-Leckagen gerade in der Nähe des Turboladers sind brandgefährlich im wahrsten Sinne des Wortes. Die Undichtigkeiten vom ölgefüllten Raum zum gasführenden Raum sind mindestens ebenso gefährlich. Gerade wenn ein Leck in den Gasraum des Verdichterrades vom Turbolader führt. Das Öl-Luft-Biogas-Gemisch wird als hoch energiereiche Ladung in Richtung Brennraum gedrückt. Dort führt es sofort zu erheblichen Temperaturanstiegen und viel zu hohen Brennraumdrücken. Eine Antiklopfregelung könnte hier Schlimmes verhindern und die Leistung stark reduzieren. Gibt es aber leider nicht an diesem Motor.

Es wird munter Schmieröl mit verbrannt, was den – gefühlt – steigenden Ölverbrauch erklärt. Zu hohe Drücke und Temperaturen im Brennraum führen zum Verschleiß von Laufbuchsen, Kolben und Kolbenringen. Erkennbar in der Schmierölanalyse. Wird die Leckrate vom Turbolader noch größer, verölen der Gemischkühler und die Zündkerzen. Wenn es dort noch zur Verbrennung kommt, haben Zündkerze und Kolbenboden schlechte Karten: irgendwann wird tatsächlich die Anschmelztemperatur erreicht und Zündkerze und Kolbenboden schmelzen in der zu großen Hitze dahin. Kolbenfresser und der Griff zum (Service-) Telefon folgen.

Es musste soweit kommen. Oder doch nicht?

Der Servicetechniker wurde vom Betreiber auf die Unregelmäßigkeiten im Bereich des Turboladers aufmerksam gemacht. Die vor dem Schaden liegenden Schmierölanalysen hat offenbar keiner interpretiert.

Zuverlässige Indikatoren für weitere Untersuchungen am Motor sind in diesem Fall

  1. die Gemischtemperatur (mit veröltem Gemischkühler angestiegen)
  2. der Schmierölverbrauch (ebenfalls deutlich erhöht) und
  3. die letzten drei Schmierölanalysen und
  4. der Zustand der Zündkerzen und eine Endoskopie des Brennraumes

Ein Blick auf den demontierten Turbolader, der ohnehin zur Abdichtung bereits anstand , hätte dem Servicetechniker sofort gezeigt, was los ist und welcher Schaden dem Motor droht, wenn er fleißig Öl verbrennt. Ich weiß: hätte, hätte, Fahradkette….

Ich wünsche dem Betreiber, dass es zumindest ein Happy-End für die Übernahme der Instandsetzungskosten gibt. Und ich werde hier gern berichten, ob die Abwicklung dieses Motorschadens zu einem versöhnlichen Ende für den Betreiber führt. Es wird mit Sicherheit noch die Frage gestellt, was das Serviceunternehmen zu diesem Schaden und seiner Entstehungsgeschichte sagt.